Drei Stunden später stand sie inmitten eines Kreises brennender Fackeln am Strand und musterte den Rest von Laffites Mannschaft, den ihre Leute hierher geschafft hatten. Hinter ihnen schaukelte das Beiboot der Raleigh sacht auf den Wellen. Vier Mann der Besatzung saßen an den Rudern. Alle anderen, die neun Toten und sieben Verwundeten ein­geschlossen, waren bereits zu der Brigg zurückgebracht worden. Sie hatte das Schiff nicht angerührt und nur angeordnet, die beiden Zweiunddreißigpfünder zu entfernen. Die Geschütze waren über die Bordwand gehievt, mit äußerster Vorsicht an Land geschafft und auf ihren Karren über den Sand gezogen worden. Als sie über den Strand zu der Gezeitenmarke blickte, hinter der sie drohend aufragten, empfand sie tiefe Erleichterung darüber, dass die Kanoniere der Raleigh sich nicht dazu hatten durchringen können, beim Angriff auf die Insel die Geschütze gegen die Festung einzusetzen.

        Die kleinere Kanone hatte sie auf der Brigg zurückgelassen, aber befohlen, die Hälfte der Munition von Bord zu schaffen - eine weitere zeitraubende Maßnahme. Zwar konnten die Männer auf die Idee kommen, die verbliebene Munition auf San Stefan abzufeuern, ehe sie die Lagune verließen, doch sie hielt das für wenig wahrscheinlich und war bereit, das Risiko einzugehen.
        Alle Bewohner von San Stefan - Männer, Frauen und die wenigen Kinder - hatten sich um sie geschart. Adélaïde hielt sich mit einer Gruppe von Frauen etwas abseits, Santo jedoch stand neben ihr und musterte finster die sechs Männer vor ihnen am Wasser.
&        Dominique You schenkte den auf ihn gerichteten Waffen keinerlei Beachtung. Er war ein Mann ohne Furcht, aber sie hatte sein Gesicht gesehen, als die Kanonen an Land gebracht worden waren. Der Anblick schien ihm körperliche Schmerzen bereitet zu haben. Curtis neben ihm wirkte grimmig und verbittert. Eine Hand war dick verbunden und lag in einer Schlinge auf seiner Brust, seine Haut war grau, und er schwankte leicht, dennoch warf er ihr und Santo mörderische Blicke zu. Sie erinnerte sich an die Unterhaltung, die sie im Hinterzimmer des Admiral de Grasse auf Haiti mit ihm geführt hatte, und lächelte in sich hinein. Damals hatte er sich ganz anders verhalten; hatte herauszufinden versucht, ob sie ihn in ihre Dienste nehmen und ihm Baudards Posten anbieten würde.
        Baudard stand zwischen Curtis und You und blickte auf zwei Truhen und eine Tasche mit seinen Habseligkeiten, die darauf warteten, verladen zu werden. Léonores Großzügigkeit hatte unwilliges Gemurmel erregt, denn mittlerweile wusste jeder von seinem Verrat. Doch sie hatte darauf bestanden, dass er seinen Besitz behalten durfte. Er musste alles zurücklassen, was er in zehn Jahren aufgebaut hatte, sich Leuten anschließen, die auf ihn herabsahen, und mit ansehen, wie Santo seinen Platz einnahm. Baudard war ein gebrochener Mann.
        Auf Laffites Seite standen zwei Sklaven. Einen der beiden hatte Curtis mit einer Botschaft an Jean losgeschickt, die ihre Leute abgefangen hatten. Santo hatte die Nachricht entschlüsselt und sie aus gutem Grund in Dominique Yous Hände gelangen lassen. Nachdem man dem Afrikaner erklärt hatte, dass es auf San Stefan keine Sklaven gab und nie geben würde, solange ein Roncival über die Insel herrschte, und dieser begriffen hatte, dass man ihm die Freiheit in Aussicht stellte, wenn er das tat, was ihm ohnehin befohlen worden war, hatte er gar nicht schnell genug zum Haus rennen können.
        Jetzt stand er neben dem anderen Sklaven zwischen dem Wasser und den Leuten von San Stefan. Seine Augen waren fragend auf Léonore gerichtet, eine Hand lag beschützend auf der Schulter des anderen Jungen. Keiner konnte älter als sechzehn sein.
        »Sprechen sie Französisch?«, flüsterte Léonore Santo zu. Als dieser nickte, sagte sie klar und deutlich: »Ihr beide - wollt ihr mit Laffite segeln oder hier bleiben? Auf San Stefan gibt es keine Sklaven. Aber wir dulden auch keine Faulenzer. Wenn ihr bleibt, müsst ihr für euren Lebensunterhalt arbeiten, und es können Monate vergehen, bis ihr wieder in See stecht.«
        Der eine Junge hielt die Schulter des anderen so krampfhaft fest, als wolle er ihn mit Gewalt an der Flucht hindern.
        Léonore entdeckte das verwitterte schwarze Gesicht eines alten Freundes in der Menge und rief ihm zu: »Mirliton, komm doch bitte einmal her!«
        Die anderen wichen zur Seite, um dem alten Mann den Weg frei zu machen. Er blieb am Rand der Gruppe stehen und musterte die Sklaven unter dem Schirm seiner ausgebleichten Feldmütze hervor.
        »Wenn sie sich zum Bleiben entschließen, Mirliton, dann zeig ihnen bitte, was sie zu tun haben und wo sie heute Nacht schlafen können.«
        Mirliton warf ihr einen schwer zu deutenden Blick zu, signalisierte aber durch das Anheben einer knochigen Schulter seine Zustimmung. Daraufhin rannten die Burschen über den Strand und verkrochen sich hinter seinem Rücken, dabei blickten sie angsterfüllt zu Laffite hinüber.
        Léonore empfand solches Mitleid mit ihnen, dass sie Mirliton knapp anwies: »Bring sie ins Dorf. Um alles andere kümmern wir uns morgen.«
        Sie blickte ihnen nicht nach, sondern wandte sich an die bewaffneten Männer am Strand. »Schafft alle ins Boot. Alle, bis auf Monsieur Laffite.«
        Baudards Gepäck wurde ins Beiboot geworfen und die Männer zum Einsteigen gezwungen. Dominique You zögerte, Laffite zurückzulassen, aber zwei Bajonette und ein paar leise Worte von seinem Anführer brachten ihn schließ­lich dazu, ohne Gegenwehr in das Boot zu klettern.
        »Ihr seid frei und könnt eurer Wege gehen«, verkündete Léonore dann. »Aber tut das innerhalb der nächsten zwanzig Sekunden, sonst eröffnen wir das Feuer.«
        Ein unmutiges Raunen lief durch die Menge, und sie sah, dass sogar Santo erstarrte. Niemand verstand ihre Handlungsweise. Wenn sie sich die Loyalität ihrer Leute erhalten wollte, mussten sie innerhalb der nächsten Momente begreifen, was sie vorhatte.
        »Ich zähle mit!«
        Auf ein neuerliches Zeichen von Laffite legte das Boot ab. Es war ein merkwürdiger Abschied: Die Gruppe an Bord blickte abwechselnd zum von Fackeln erleuchteten Strand zurück und zur Raleigh hinüber, die im Schein der gelben Ankerlichte im indigoblauen Wasser der Lagune vor sich hindümpelte. Und im Vordergrund zeichnete sich Laffites hoch gewachsene, lässige Gestalt ab, der die feindselige Menge ohne jede Gefühlsregung anblickte.
        Léonore trat auf ihn zu, die anderen kamen gleichfalls nä­her. »Monsieur Santo, zwei Männer sollen ihm die Arme auf dem Rücken festhalten.« Auf einen Wink Santos hin beeilten sich zwei seiner Leute, dem Befehl Folge zu leisten. »Haben Sie mitgebracht, worum ich Sie gebeten habe?«
        Ihr neuer Stellvertreter nickte, und sie sah, wie sich seine breiten Schultern entspannten. Sie hatte soeben allen zu verstehen gegeben, dass sie sich zuvor mit ihm beraten hatte. Dies bedeutete die Bestätigung seines neuen Ranges und würde ihm den Respekt der Inselbewohner eintragen - zumindest für eine weitere Nacht.
        Dann wandte sie sich an Laffite. Eigentlich hätte sie ein Gefühl des Triumphs verspüren müssen, doch stattdessen zitterte sie innerlich vor Erschöpfung, Furcht und Zorn. Von dem Moment an, an dem er ihre Insel betreten hatte, war jede ihrer Entscheidungen die Reaktion auf eine Situa­tion gewesen, die er geschaffen hatte. An einem einzigen Tag hatte er alle ihre Zukunftspläne durchkreuzt, und ihr einziger Trost bestand in dem Wissen, dass er nicht ahnen konnte, was er ihr angetan hatte.
        »Die Flut hat jetzt den höchsten Stand erreicht. Die Raleigh muss ablegen, um rechtzeitig über das Riff zu kom­men. Wenn Ihre Leute im Dunkeln auf Grund laufen, ist das nicht mein Fehler.«
        Er erwiderte nichts, und sein Blick blieb unergründlich. Der Diamant auf seinem makellosen Hemd blitzte bei jedem seiner ruhigen Atemzüge auf, und seinem Gesicht war der brutale Druck, den die Männer hinter ihm auf seine Arme und Schultern ausübten, nicht anzusehen.
        Léonore holte tief Atem und hob dann ihre Stimme, sodass jeder sie hören konnte. »Monsieur Laffite, Sie haben mir heute Abend selbst gestanden, dass Sie hierher gekommen sind, um unsere Brigg, unsere Waffen und den Schatz der Roncivals zu rauben.«
        Erneut erhob sich leises Gemurmel in ihrem Rücken. Sie würde ihm nicht verraten, wo sich die Brigg befand - jenseits des Strandes, in einem vom Fluss abgeleiteten Kanal, wo die großen Schiffe überholt werden konnten. Bei seiner Landung hatten die meisten ihrer Männer gerade auf dem Schiff gearbeitet, das entmastet und ein Stück in den Wald geschleppt worden war, wo es nicht so leicht zu finden war.
        »Die Brigg ist ein Phantom, das Sie nicht zu Gesicht bekommen werden. Aber Monsieur Santo und seine Leute waren an Bord, als Sie San Stefan ansteuerten. So wurden wir rechtzeitig gewarnt.«
        Er ergriff zum ersten Mal das Wort. »Ihre Männer haben sich also versteckt und uns erst später angegriffen. Wie haben Sie ihnen nur das Zeichen dazu gegeben?«
        »Mit einem Spiegel, von meinem Zimmer aus.« Sie bemühte sich, mit klarer, ruhiger Stimme zu sprechen. »Über das Versteck der Munition zerbrechen Sie sich nur weiter den Kopf, und was den Schatz betrifft: Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der weiß, wo er sich befindet. Und Sie sind der letzte Mensch auf der Welt, dem ich es verraten würde.«
        Die Menge um sie herum verhielt sich jetzt still. Nur noch ein paar Minuten, dann könnte dies das Schweigen absoluter Zustimmung sein. Aber alles hing davon ab, wie sie mit Laffite umging. Sie stand einem der gefürchtetsten Männer der Karibik gegenüber, und irgendetwas an seiner unerschütterlichen Ruhe unterstrich noch die Gefahr, die von ihm ausging. Ihm boten sich zahlreiche Möglichkeiten, etwas gegen sie zu unternehmen, wenn sie ihn gehen ließ. Aber andererseits hatte er - wenn auch in einer ebenso überheblichen wie verwirrenden Weise - von einem möglichen Bündnis gesprochen.
        Sie trat noch näher an ihn heran, woraufhin ein fast atemloses Schweigen eintrat. Niemand wagte, einen Laut von sich zu geben.
        Léonore kamen die nächsten Worte nur mühsam über die Lippen. »Sie hatten Recht, Monsieur Laffite. Sie benötigen dringend eine Lektion in den Künsten der Diplomatie.« Sie rang sich ein träges, verführerisches Lächeln ab und sah ihm fest in die Augen. »Wir alle wissen, weshalb Sie gekommen sind. Und Sie haben nichts von alledem bekommen.« Sie hob die bloßen Arme, legte sie auf seine Schultern und schlang sie um seinen Hals. Er zuckte unwillkürlich zusammen, als ihre kühle Haut auf seine heiße traf. Die Leute hinter ihr sogen zischend den Atem ein.
        »Sie haben von einem Bündnis gesprochen. Ob dies möglich ist, wird die Zeit zeigen. Dies jedenfalls ist ein Abschied.«
        Was nun folgte, hatte sie genau geplant. Die Geste sollte die Erinnerung an die erzwungene Umarmung im Palmenhain auslöschen. Diesmal sollte ihm die Rolle des in die Falle gelockten Opfers zuteil werden. Sie wollte die brennende Wunde, die er ihr zugefügt hatte, heilen, indem sie Gleiches mit Gleichem vergalt.
        Ein verblüfftes Raunen war zu hören, als sich ihre Lippen den seinen näherten, dann ein lautes Johlen, als sie ihn an sich zog, doch sie hörte nichts davon. Sie hatte damit gerechnet, dass er sie wegstoßen würde, aber das tat er nicht - vielleicht brachte er es nicht fertig. Doch als sich ihre Lippen berührten, war es ihr plötzlich, als hätten sich seine Arme um ihre Taille geschlungen und als stünden sie eng aneinander geschmiegt in einem dunklen Hafen, weit weg von dem Gegröle, dem Gelächter und dem Fackelschein am Strand. Der warme, feste Mund, der auf dem ihren lag, schien stumm zu ihr zu sprechen, Worte zu flüstern, die in ihren Ohren dröhnten, ihren ganzen Kopf erfüllten und ihr die Sinne zu rauben drohten. Sie atmete den Duft seiner Haut ein, den Geruch nach Eichenholz, der von der Truhe herrührte, in der er seine Kleider aufbewahrte, den Rauch in seinem Haar.
        Es kostete sie all ihre Willenskraft, den Bann zu brechen. Sie gab ihn abrupt frei und wich einen Schritt zurück. Das weiße Feuer loderte wieder hinter ihren Augen auf, und einen Moment lang nahm sie sein Gesicht wie durch einen Nebel wahr. Sie erschauerte, dann trat sie noch einen Schritt zurück, weil ihre Beine unter ihr nachzugeben drohten, und stützte sich mit einer Hand auf Santos Schulter.
        »Und nun ziehen Sie sich aus, Monsieur.«
        Die Umstehenden brachen in schallendes Gelächter aus, und endlich zeigte Laffite eine Regung. Ungläubig verzog er das Gesicht, dann biss er so fest die Zähne zusammen, dass sich die Haut über seinen Wangenknochen spannte. Seine funkelnden Augen bohrten sich in die ihren, dann blickte er auf und fixierte einen Punkt hinter ihr, als suchte er den Himmel um Hilfe an.
        Das Johlen und die Pfiffe verrieten nur allzu deutlich, dass die Zuschauer darauf brannten, ihn mit heruntergelas­senen Hosen zu sehen.
        Doch da winkte Léonore den Mann mit der Handgranate zu sich.
        Als Laffite ihn sah, erstarrte er. Sie wiederholte ihren Befehl, woraufhin die beiden Männer ihm den schwarzen Rock von den Schultern und über die Arme zerrten. Mit einer raschen Drehung entriss er ihnen das Kleidungsstück und ließ es zu Boden fallen.
        »Zurück!« Die Männer hätten nicht hastiger gehorchen können, wenn er eine Pistole auf sie gerichtet hätte.
        Ohne Léonore anzusehen, begann er, sein Hemd zu öffnen. All seine stumme Wut schien sich auf Santo zu richten. Léonore ließ ihre Hand auf Santos Schulter liegen, während sich Laffite langsam weiter entkleidete und das Gejohle und Gepfeife aus einem seltsamen Gefühl der Kameradschaft heraus allmählich erstarb.
        Er schleuderte seine Schuhe von sich. Nachdem seine langen Finger die Bänder des Hemdes gelöst hatten, nestelten sie an der Spitzenkrawatte herum. Dabei löste sich der daran befestigte Diamant und fiel in den Sand. Im selben Moment rollte mit der Flut eine Welle heran, spülte um seine Füße und trug den Stein ein Stück den Strand hinauf. Erregtes Geflüster war zu hören, doch er zeigte keine Reaktion.
        Er streifte das Hemd ab und warf es in den Sand. Noch immer wich er Léonores Blick aus, doch in seinen Augen las sie weder Furcht noch Verlegenheit, und er zögerte auch nicht, sich zu bücken und sich seiner Kniehose nebst Strümpfen zu entledigen.
        Dann richtete er sich auf, und die Menge verstummte.
        Die hohe Gestalt schimmerte im Fackelschein wie mit flüssigem Gold überzogen. Der einzige Makel auf seiner Haut, der blutige Abdruck ihrer Zähne, hob die gemeißelten Konturen seiner glatten Brust nur noch stärker hervor. Sein Körper schien nicht von dem rauen Leben auf See geformt worden zu sein, sondern von einem Bildhauer, der ein Kunstwerk von vollendeter Schönheit hatte schaffen wollen.
        Sie würde nie erfahren, wie sehr sie ihn in den letzten Minuten beeindruckt oder in Angst und Schrecken versetzt haben mochte. Sie sah nur, dass der Anblick der Granate den Aufruhr in seinem Inneren, den ihre Umarmung ausgelöst hatte, schlagartig erstickt hatte. Trotzdem konnte sie den Blick nicht von dem muskulösen, geschmeidigen Körper abwenden, der Kraft und Anmut so perfekt in sich vereinte.
        Die schwarzen, undurchdringlichen Augen ruhten unverwandt auf dem Mann mit der Handgranate. Zweifellos erinnerte er sich an ihre Beschreibung, wie man auf San Stefan mit Hunden verfuhr, und zog nun seine eigenen Schlüsse daraus. Vermutlich hatte er auch bemerkt, dass es auf der Insel tatsächlich keine Hunde gab. Vergeblich versuchte sie, in seinem Gesicht zu lesen, was beim Anblick der Granate in ihm vorging - dieses mit Schießpulver gefüllten Metallkörpers, der Lunte und des groben Holzgriffes, den ihr Mann in seiner breiten Hand hielt.
        Sie nahm ihre Hand von Santos Schulter. Die Bewegung ließ Laffite augenblicklich den Kopf heben. Dann nickte sie Adélaïde zu. Als diese auf sie zuging, kam Bewegung in die leise murmelnde Menge. Das Stimmengewirr klang jetzt gereizt und verunsichert, Füße scharrten im Sand, und Léonore spürte die ersten Anzeichen dafür, dass die Stimmung umzuschlagen drohte.
        Sie lächelte Adélaïde zu, die ihr einen Geldbeutel und ein Stück Schnur reichte. Léonore vergewisserte sich, dass jeder sehen konnte, was sie tat, dann griff sie in den Beutel und hielt eine Hand voll Münzen in die Höhe. »Ich lasse einen Gast nur ungern ohne ein kleines Andenken an seinen Besuch hier gehen. Nehmen Sie also dieses spanische Silber, zusammen mit unseren besten Wünschen.«
        Sie winkte den Mann mit der Granate zu sich. »Binde die Granate gut an dem Beutel fest«, befahl sie. Dann sah sie zu, wie er beides geschickt verschnürte, und lauschte den ge­flüsterten Vermutungen und der zaghaften Zustimmung der Umstehenden. Sie reichte den präparierten Geldbeutel an Santo weiter und wies einen anderen Mann an, eine dünne Wachskerze an einer der Fackeln zu entzünden.
        Gespannt verfolgte sie, wie Santo zum Wasser hinunterging und sich ein Stück von Laffite entfernt so aufbaute, dass er die Lagune überblicken konnte. Sie wartete, bis sich der Mann mit der Kerze zu Santo gesellte, ehe sie sich dazu überwand, Laffite erneut in die Augen zu sehen. So entging ihr der Moment, in dem er erkannte, dass er all ihren Drohungen zum Trotz am Leben bleiben würde. Sein Grinsen traf sie daher unvorbereitet; eine Grimasse voll wilder Ironie, in die sich ein Funke Belustigung und Bewunderung mischte, wie zuvor schon im Keller und im Speisesaal.
        Santo wandte sich von Laffites regloser Gestalt ab. Ohne auf ihren Befehl zu warten, hielt er die Kerze an die Lunte und holte dann mit der Granate in der Hand weit aus. Die Menge hielt den Atem an, als sein sehniger Arm vorschnellte und die Granate Funken sprühend und sich überschlagend in einem hohen Bogen über die stille Lagune hinweg auf das Schiff zuflog.
        Ein paar Fuß über der Wasseroberfläche explodierte sie mit einem lauten Krachen, eine rote Flammenfontäne ergoss sich über den Nachthimmel. Eine Kaskade von Geldstücken wurde in die Höhe geschleudert und prasselte wie ein silbriger Hagel auf die Lagune nieder, bis auch die letzte Münze in den Fluten versunken war.
        »Da haben Sie Ihren Schatz, Monsieur. Los doch, tauchen Sie danach.«
        Eine Windbö ließ die Fackeln aufflackern, als die Menge in jubelnden Beifall ausbrach.
Laffite verlor keine Zeit. Rückwärts trat er ins Wasser und verbeugte sich mit spöttischer Überschwenglichkeit vor den Zuschauern am Strand. Als er sich aufrichtete, warf er Léonore einen Blick zu, in dem keine Spur eines Lächelns mehr lag. Dann drehte er sich um und tauchte geschmeidig in die Wellen ein.