Als sie zu La Fayette kam, waren alle überglücklich, sie zu sehen. Und auch ihr war sofort leichter zu Mute. Ihr Freund lag in einem großen Zimmer, umgeben von seinen Adjutanten. Lachend erklärte sie ihm, dass er Hof hielte wie ein Monarch. Er begrüßte sie mit seinem üblichen, jungenhaften Grinsen und streckte ihr die Hand entgegen. Er war so blass, dass seine Sommersprossen wie braune Tupfen auf Pergament aussahen. Doch seine Stimme klang fest.
»Seine Majestät würde sofort auf die Füße springen, wenn sich ihm solch ein Anblick wie der Ihre böte. Verzeihen Sie mir diese schändliche Pose, meine liebe Mademoiselle de Chercy.«
Sie setzte sich auf den Stuhl, den Gimat ihr überlassen hatte, und lächelte. »Ihnen ist wohl nicht bewusst, dass ich mich in den letzten zwei Tagen daran gewöhnt habe, an Betten zu sitzen. Und pragmatische Beobachtungen anzustellen. Fühlen Sie sich mit dieser Perücke eigentlich wohl?«
»Nicht besonders. Aber man muss ja den Schein wahren.«
»Das geht sehr wohl ohne, wenn ich Ihr Haar kämme. Doktor Franklin trägt keine Perücke. Also müssen Sie auch keine tragen, so lange Sie in seiner Stadt sind. Gimat, Brice, würden Sie bitte einmal mit anfassen?«
Sanft nahm sie ihm die Perücke ab, und Victor reichte ihr einen Kamm. Der Marquis schien sich köstlich zu amüsieren, während sie den Kampf mit seinem dicken roten Haar aufnahm. Sie sagte: »Ich bin im Frisieren nicht geübt, aber es ist schon erstaunlich, wie geschickt ich geworden bin, seit wir in Amerika sind. Ich musste nicht einmal ein Mädchen einstellen - Mrs. Christies Diener reichen mir voll und ganz. Na bitte: So sehen Sie perfekt aus.«
Lächelnd schloss er die Augen. Sie sah sich im Zimmer um. »Ist es sicher, hier zu bleiben? Wie ich hörte, sollen alle transportfähigen Verwundeten in den nächsten Tagen evakuiert werden.«
»Wir ziehen in eine Stadt namens Bethlehem«, erklärte Brice. »Zu den Herrnhutern. Der Marquis wird bei ihnen bestens versorgt werden, und wir alle können dort unterkommen.«
Der Marquis schlug die Augen auf. »Eine Empfehlung Washingtons. Also werde ich sie natürlich befolgen. Und je schneller ich wieder an seiner Seite bin, desto besser.«
»Herrnhuter?«
»Eine religiöse Gemeinde«, erklärte Victor. Er sah sie besorgt an. »Kommst du mit uns?«
»Das hängt davon ab, wann ihr fahrt. Ich helfe bei der Versorgung zweier Verwundeter, und …« Es war ihr unmöglich, von Ethan Herrolds Schicksal zu erzählen oder von dem Versprechen, das sie ihm gegeben hatte. »Ich habe versprochen, noch zu bleiben. Mrs. Redman hat drei kleine Kinder. Sie wird damit allein nicht fertig, und keiner ihrer Freunde wird ihr helfen, denn sie ist eine Quäkerin.«
»Wir reisen so bald wie möglich ab. Der Comte de Mirandol bereitet alles vor. Sobald er da ist, entscheiden wir.« Plötzlich fiel ihm etwas ein: »Ich hab’s! Wenn Chester doch sicher ist, warum gehst du nicht dahin? Das ist gar nicht weit weg, und die Ogilvys würden sich freuen, dich bei sich zu haben. Mademoiselle Abigail Ogilvy hat schon so viel von dir gehört, dass sie behauptet, sie müsse dich unbedingt kennen lernen, bevor sie das alles glauben kann.«
Viviane war nicht sicher, ob sie diese junge Dame treffen wollte. Doch Victors bewundernder, zärtlicher Blick entwaffnete sie. Er schien geradezu darauf zu brennen, sie seiner neuen Bekannten vorzustellen. Er war stolz auf seine Jugendfreundin, und das berührte sie. Und sie war dankbar dafür, vor seinen Augen so tapfer gewesen zu sein, als er letzte Nacht mit den Neuigkeiten kam. Ihre Freunde respektierten sie: Das hier mussten sie alle durchstehen, und zwar zusammen. Der einzige Mensch, der wusste, dass sie die Fassung verloren hatte, war ihr Onkel.
»Ich werde mich in den nächsten Tagen entscheiden.«
»Wird denn dann noch jemand in Philadelphia sein?«, fragte Gimat.
»Aber sicher. Allen voran meine Gastgeberin Mrs. Christie. Außerdem die Whartons, Richter Shippen und seine Familie. Keiner von ihnen hat vor, sein Haus zu verlassen und die Geschäfte zu vernachlässigen, nur weil die Zukunft ein bisschen ungewiss ist. Das hier ist ihre Heimat.«
»Ein bisschen ungewiss«, murmelte der Marquis. »Ich bewundere Ihre Ausdrucksweise, Mademoiselle.«
»Die habe ich von Ihnen. Genau so etwas schreiben Sie doch an Ihre liebe Frau.«
»Stimmt! Wussten Sie schon, dass ich endlich einen Brief von ihr bekommen habe? Graf Pulaski hat ihn mir aus Paris mitgebracht. Ich habe ihn hier.« Er machte eine kleine Handbewegung, und sie erkannte, was er meinte: Der Brief lag unter dem Kopfkissen.
»Wie schön für Sie. Wie geht es ihr? Sie muss geschrieben haben, bevor …«
»Ja. Vor der Geburt. Also weiß ich noch nicht, ob wir eine Tochter oder einen Sohn bekommen haben.« Er lächelte. »Aber es ging ihr blendend, und sie war guter Dinge, als sie schrieb. Wenn ich an die vielen Briefe denke, die ich ihr geschrieben habe, und bisher ist erst einer von ihr hier angekommen. Ich vermute, dass die meisten in den Händen von König George sind!«
In diesem Augenblick ging die Tür auf, und der Comte de Mirandol kam herein. Jedermann begrüßte ihn herzlich. Doch Viviane merkte, dass er hauptsächlich auf sie achtete. Beim Hereinkommen hatte sein erster Blick ihr gegolten. Und die Worte, die er mit den jungen Männern wechselte, hörten sich mechanisch an, als wäre er in Gedanken ganz in der Ecke des Zimmers, in der sie sich aufhielt.
Sie erhob sich, als er näher kam. Nach einer knappen Verbeugung fragte er sofort: »Geht es Ihnen gut? Sie sehen erholt aus.«
»Ja, danke, Monsieur.«
Und auch er sah erholt aus. Er zeigte keinerlei Anzeichen von Erschöpfung: Sein markantes Gesicht und seine glatte Haut hatten eine frische Farbe, und sein sauberes schwarzes Haar schimmerte und war glatt zurückgekämmt. Er hatte ein frisches, weiches Lederhemd an. Jemand hatte sich sogar die Mühe gemacht, seinen abgetragenen Gürtel und die Scheiden zu polieren, in denen das Messer und der Tomahawk steckten. Die Frage schoss ihr durch den Kopf, wer in der Vine Street ihm wohl zu dieser militärischen Korrektheit verhalf. Im selben Augenblick holte die Erinnerung an vergangene Nacht sie ein, als er sie einen Moment lang an sein zerschlissenes, dreckiges Hemd gedrückt hatte. Sie dachte daran, wie sein Puls gegen ihre Stirn gepocht hatte.
Auch er schien sich daran zu erinnern. Verwirrt setzte sie sich wieder.
Er jedoch wandte sich La Fayette zu und betrachtete ihn vom Fußende des Bettes aus. Schließlich sagte er: »Wir sollten Sie nicht zu sehr ermüden. Ich habe eine Karte mitgebracht. Wollen Sie sie sehen oder sollen wir alle nach nebenan gehen?«
»Zeigen Sie her«, sagte der Marquis eifrig.
Viviane riss sich zusammen, stand auf und zog sich etwas zurück, damit die anderen sich um das Bett sammeln und die Reise nach Bethlehem besprechen konnten. Es zeigte sich, dass ihr Vormund es so eingerichtet hatte, dass die ganze Gruppe in einigen Tagen zu Wasser nach Bristol reisen konnte. Von dort waren es noch zwanzig Meilen bis Bethlehem. Er würde sie jedoch nicht begleiten. Während sie sich unterhielten, wurde ihr klar, was für eine Veränderung innerhalb der Gruppe eingetreten war, seit er das Zimmer betreten hatte. La Fayette war ihr geistiger Führer, der Graf aber gab ihnen Kraft, auch wenn es niemand aussprach. Sie sah ihn in einem ganz neuen Licht: Sie schätzte diese unerschütterliche, entschlossene Ruhe und merkte genau, was sie für die jungen Männer bedeutete - sie konnten sich auf ihn verlassen. Genau wie sie.
Doch da war noch etwas: Tiefen, von denen kein anderer der Anwesenden etwas ahnte. Sie wusste von seiner Stärke, hatte aber auch erlebt, wie seine Ruhe letzte Nacht durch ihren Aufschrei hinweggefegt worden war. Sie erinnerte sich daran, wie er sie mit zitternder Stimme geradezu angefleht hatte, mit ihm zu sprechen und sich von ihm helfen zu lassen.
Sie wandte sich ab und tat so, als sähe sie aus dem Fenster, während eine sanfte Röte sich auf ihren Wangen ausbreitete. In einer Hinsicht schämte sie sich gewaltig: was für eine Art, einen Mann zu begrüßen, der vom Schlachtfeld zurückkehrte! Eine reife Frau hätte gewusst, wie sie ihn zu empfangen hatte, wie sie ihn zu umsorgen und von den Schrecken abzulenken hatte, die hinter ihm lagen.
Sie rang um Fassung und warf ihm über die Schulter einen Blick zu. Bei dieser kleinen Bewegung schweiften die grünen Augen zu ihr herüber. Sein Blick war durchdringend, und er lächelte nicht. Gleich darauf wandte er sich wieder dem Gespräch zu. Erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie die Pläne für die Gruppe besprochen hatten und erörteren, wann er abreisen würde. Sie war ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass er mehrere Tage in der Stadt bleiben würde, vielleicht sogar länger. Die Erleichterung darüber, dass er am Leben war, hatte sie vergessen lassen, was es bedeutete, dass er nicht bei seinem Regiment war. Unsinnigerweise empfand sie das Bedürfnis, ihn zu schützen, genau wie er sie beschützen wollte.
Gerade sagte er: »Ich breche in einer halben Stunde auf. In Anbetracht der Wichtigkeit der Depeschen reiten wir zu zweit. Ich habe bereits Washingtons aus Chester, und die anderen wird man mir im State House aushändigen.«
Er stand auf, als Victor sagte: »Wir wünschen Ihnen eine sichere Reise, Monsieur. Sie haben den Vorteil, das Gebiet zu kennen.«
»Und auch die, die Sie am Ende der Reise erwarten«, fügte Gimat hinzu. »Sie haben schon an der Seite von Daniel Morgan gekämpft, nicht wahr?«
»Ja, aber General Gates habe ich noch nie gesehen.«
»Gates?«
Alle drehten sich zu ihr um. Warum bloß hatte sie nicht genau hingehört? Gates war der Kommandeur der Truppenverbände im Norden, die hinter New York standen, weit oben am Hudson. »Nach Norden! Also dahin gehen Sie?«
»Ja.« Er trat zu ihr. »Letzte Nacht hatte ich keine Gelegenheit, es zu erwähnen.«
Sie starrte ihn an, und ihr wurde kalt. Gerade, als die Dinge sich zwischen ihnen geändert hatten, als sie endlich seine Unterstützung zu schätzen wusste, nahm er sie ihr weg. Sie konnte sich denken warum: Dieser eilige Ritt als Kurier würde ihn in Richtung des Landes führen, das ihm wirklich etwas bedeutete - Kanada.
Sie war bestürzt und vermochte das auch nicht ganz zu unterdrücken, als sie zum Sprechen ansetzte: »Ich bin erstaunt, dass Sie sich gerade jetzt zu so etwas entschließen.«
»Es war ein Befehl. Von General Washington.«
Er kam näher. Die anderen schlossen aus ihrem Ausruf und seinem beschwichtigenden Tonfall, dass sie diese Diskussion lieber unter vier Augen führen wollten, und knüpften selbst ein Gespräch an. Doch dieses bedeutsame Thema in Hörweite anderer ausdiskutieren zu müssen, ärgerte und kränkte sie. Einmal mehr sehnte sie sich danach, allein mit ihm zu sprechen. Doch er schien anders zu fühlen, da er keinen Versuch in der Richtung unternommen hatte. Vielleicht war es ihm ja lieber, dieses Gespräch in Gesellschaft ihrer Freunde führen zu können.
Bevor sie noch etwas sagen konnte, ergriff er das Wort: »Doch ich wollte natürlich nicht aufbrechen, bevor ich nicht alles Nötige für Sie arrangiert habe. Morgen fährt eine Kutsche samt Eskorte nach Chester. Freunde haben alles für mich überprüft: Man hat mir glaubhaft versichert, dass Sie sicher reisen werden. Ich habe einen Platz für Sie gebucht.« Er zog einen Umschlag aus der Tasche. »Hier sind die Einzelheiten sowie ein Brief von mir für James und Constance Ogilvy. Man wird Sie dort gerne aufnehmen.«
Sie nahm den Umschlag, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Sie konnte nicht fassen, wie kalt und sachlich er ihr diese Anweisungen gab. »Ich dachte, ich hätte Ihnen klar zu verstehen gegeben, dass ich selbst über den Zeitpunkt meiner Abreise entscheide.«
»Aber die Umstände haben sich verändert. Ich bin davon überzeugt, dass es so am besten für Sie ist.«
»Und wenn ich lieber selbst darüber bestimmen möchte?«
Als sie ihm in die Augen sah, erinnerte sie sich plötzlich daran, wie sie in der schwach erleuchteten Küche ausgesehen hatten, bevor er sie umarmte - dunkelgrün und unergründlich. Als sie sich jetzt im Licht des Fensters weiteten, hatten sie die Farbe eines Gletschers. Er entgegnete: »Ich bin sicher, Sie haben Ihre Gründe. Darf ich sie erfahren?«
»Ich habe ein Versprechen abgegeben, und ich muss bleiben, um es zu erfüllen.«
»Gegenüber wem?«
»Gegenüber …« Sie sah verstohlen zu La Fayette hinüber, und die Stimme versagte ihr. Ihr Freund hatte erschöpft die Augen geschlossen, was aber nicht bedeutete, dass er nicht zuhörte. »Gegenüber jemandem bei Mrs. Redman.«
»Ich verstehe.«
Es gefiel ihr nicht, wie er das sagte. Er machte es ihr sehr schwer, ihm alles zu erklären, aber sie musste es versuchen. »Sie verstehen gar nichts. Seit ich nach Amerika gekommen bin, war ich immer nur eine Zuschauerin. Jetzt habe ich zum ersten Mal die Gelegenheit zu helfen. Deshalb will ich auch nicht weg, noch nicht. Sie verstehen nicht, wie das ist, wenn einen jemand wirklich braucht.«
Versteinert sah er sie an. »Ich verstehe zweierlei: Sie weigern sich, meine Vorkehrungen für Ihr Wohlergehen anzunehmen, und Sie erwarten von mir, der Himmel weiß wie lange im Norden zu bleiben, ohne auch nur die leiseste Ahnung zu haben, wo Sie sind oder was Sie gerade tun.«
Sie schnappte nach Luft. »Aber Sie sagten doch, Sie überbringen Depeschen! Kommen Sie nicht sofort wieder zurück?«
»Nein, ich werde in Daniel Morgans Schützenbataillon dienen.«
Sie stützte sich mit der Hand auf die Fensterbank und starrte auf die nackte Wand des Nachbarhauses. Es tat ihm nicht Leid zu gehen. Es gab nur eine nebensächliche Angelegenheit, die er vorher klären musste, und das war seine Pflicht ihr gegenüber.
Sie richtete sich auf und lächelte verkrampft und gekünstelt. »Verzeihen Sie. Es steht mir nicht zu, mich in Ihre Pläne einzumischen. Natürlich wäre es viel bequemer für Sie, wenn ich in Chester sicher unter Dach und Fach wäre.«
Sie blickte ihn nicht an, konnte also seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen, doch seine Stimme hatte eine Schärfe, die sie nur zu gut kannte. Er sagte: »Wenn es Ihnen gefällt, bei diesem Thema sarkastisch zu werden, dann habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen.«
Sie fuhr auf. »Ich bin überhaupt nicht sarkastisch, das überlasse ich Ihnen!« Dann sah sie ihn verzweifelt an. Sie wusste, dass er keine Ahnung davon hatte, wie sehr es sie schmerzte, zu ihrer alten Feindschaft zurückzukehren und wieder die Klingen zu kreuzen, von denen sie dummerweise angenommen hatte, sie hätten sie endgültig beiseite gelegt. Jetzt waren diese Klingen noch schärfer und würden ihr viel größere Schmerzen zufügen. Bevor er antworten konnte, atmete sie tief durch und versuchte sich zusammenzureißen: »Bitte halten Sie mich nicht für undankbar, das will ich nicht.«
Er verzog das Gesicht. »Ich will keine Dankbarkeit, Mademoiselle.«
Was dann, Gehorsam? Doch sie sagte es nicht. »Es tut mir Leid, Ihre Entscheidung in Frage zu stellen, aber ich bin noch nicht bereit fortzugehen. Philadelphia gefällt mir sehr gut. Ich habe das Gefühl, hierher zu gehören. Es würde mir schwer fallen, die Stadt zu verlassen. Aber das werde ich natürlich, falls es nötig ist. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«
Sie wollte ihn beruhigen, doch sein Gesicht zeigte nur, wie befremdet und verärgert er war. Es war nicht die gleiche kalte Wut, die sie einst bei ihm ausgelöst hatte, sondern eine Verbitterung, die sie nie zuvor gesehen hatte, und die er für ein, zwei Sekunden nicht verbergen konnte.
Dann verschloss sich sein Gesicht vollständig, und er wandte sich zu den anderen um. »Meine Zeit ist um. Ich muss aufbrechen. Ich wünsche Ihnen allen eine sichere Reise. Mögen Sie alle unversehrt bleiben, bis wir uns wieder sehen. Ich werde mich so oft wie möglich bei Ihnen melden und hoffe, umgekehrt gute Neuigkeiten zu erhalten.«
Die jungen Männer verabschiedeten sich feierlich von ihm. Sie hörten aus seiner tiefen Stimme nur den unausgesprochenen Gedanken heraus, der auch sie beschäftigte - wer wusste schon, wann und ob sie sich jemals wieder sehen würden? Doch für Viviane, die ihn beobachtete, war seine Stimmung unerträglich. Seine düstere, gerunzelte Stirn, seine gesenkten Augen und das versteinerte Profil verrieten ihr, dass er sich weiter denn je in sich zurückgezogen hatte. Als er sich abschließend an sie wandte, veränderte sein Gesichtsausdruck sich nicht im Mindesten. Er presste nur die Lippen noch fester aufeinander, als er sich über ihre Hand beugte, wobei seine Finger die ihren kaum berührten.
So leise, dass die anderen es nicht hören konnten, murmelte sie: »Gibt es denn zwischen uns nichts mehr zu sagen?«
»Sie haben sich bereits mehr als deutlich ausgedrückt, Mademoiselle. Und ich muss gehen.« Er zögerte einen Sekundenbruchteil, bevor er ruhig hinzufügte: »Gott segne Sie.« Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verließ den Raum.
Schwach vor Enttäuschung lehnte Viviane sich gegen den Fensterrahmen. Dieser Streit war weit verletzender als die bisherigen, und er hatte zum ungünstigsten Zeitpunkt stattgefunden. Es kam ihr vor, als hätte sie ihn verflucht, als er, vielleicht für immer, gehen wollte.
Nach einem Augenblick besann sie sich jedoch und stellte fest, dass alle jungen Männer sie besorgt ansahen. Im nächsten Moment stürzte sie durch das Zimmer. Sie riss die Tür auf, glitt in den Gang und flog die Treppe hinunter. Ihr Herz pochte wie wild, als sie die Eingangstür öffnete und hastig hinaustrat.
Er saß bereits im Sattel. Als er sie entdeckte, zügelte er seinen Wallach heftig. Das Pferd warf den Kopf zurück und tänzelte auf dem Kopfsteinpflaster. Ungeachtet des nervösen Tieres schoss sie auf ihn zu, doch er brachte es unter Kontrolle, beugte sich gleichzeitig zu ihr hinunter und ergriff ihre ausgestreckte Hand.
Aufgewühlt rief sie: »So können wir uns doch nicht trennen!«
»Nein.« Sein Griff war so fest, dass es sie schmerzte. »Es tut mir Leid. Aber … ich habe Angst um Sie. Ich kann nicht anders.«
»Ich werde auf mich aufpassen, glauben Sie mir. Aber was ist mit Ihnen?« Ihre Stimme brach.
Rau erwiderte er: »Wenn Sie weinen, Mademoiselle, werde ich nicht aufbrechen können. Und dann werde ich erschossen, weil ich meine Befehle missachtet habe.«
Sie umklammerte seine Hand mit beiden Händen und sagte atemlos: »Das würde man einem Franzosen doch sicher nicht antun?«
»Ich möchte es lieber nicht darauf ankommen lassen.«
Der nervöse Wallach brach seitlich aus, und ihre Hände wurden auseinander gerissen. Aus Angst davor, dass sie sich trennen mussten, bevor sie alles wieder gut machen konnte, sagte Viviane laut und mit fester Stimme: »Ich will nie wieder mit Ihnen streiten. Und Sie nie wieder enttäuschen. Wenn Sie zurückkommen - wenn wir Ihre Rückkehr feiern -, werde ich Sie nicht wie dieses Mal empfangen. Das schwöre ich.«
Etwas flackerte auf in den grünen Augen, die ihren Blick so fest erwiderten - eine Veränderung, ein Glitzern, das an eine plötzliche Bewegung in stillem Wasser erinnerte. Etwas, das nur flüchtig an der Oberfläche zu sehen war, bevor es wieder in den Tiefen verschwand.
Er zog die Zügel an und setzte sich im Sattel auf. Der Wallach warf den Kopf anmutig hoch, als er einige Schritte zurücktänzelte und so den Abstand zwischen ihnen vergrößerte.
Sie sah sein »Adieu« mehr, als sie es hörte. Als sie ihm denselben Gruß hinterherrief, riss er das Pferd herum und gab ihm die Sporen. Dann galoppierte er über die breite, hallende Straße davon. Die trommelnden Hufe des Pferdes hörten sich auf dem Pflaster wie entfernter Kanonendonner an.


