Ayisha wartete auf dem Hügel oberhalb der Plantage; sie wartete den ganzen Nachmittag und bis in den Abend hinein. Als sie die Lichtung zwischen den Bäumen erreichte, blickte sie als erstes in das grenzenlose Blau des Himmels hinauf und breitete die Arme aus, denn sie wußte, daß keine Menschenseele sie beobachtete und daß sie allein in Zukunft Herrin ihres Tuns sein würde. Sie ließ die Arme sinken und schritt in der Lichtung auf und ab, um zu lernen, wie sie sich in den neuen Kleidern bewegen mußte, die Joseph aus seiner Hütte geholt hatte. Sie ging erst wie Joseph, dann wie der Master, aber nichts von beidem fühlte sich richtig an, da Joseph und der Master kräftige, erwachsene Männer waren. Sie ahmte Golos Gang nach und brachte sich selbst zum Lachen, aber natürlich war auch er das falsche Vorbild, denn seine Beine waren kürzer als ihre.
Sie entschied sich schließlich für Moïse, einen schlanken, anmutigen Jungen, mit dem sie sich, als sie beide noch Kinder waren, oft gebalgt hatte. Sie hatte ihn insgeheim bewundert, aber sie waren auch Rivalen gewesen. Er hatte eine scharfe Zunge gehabt und war sehr geschickt mit den Händen gewesen, so daß er bereits in jungen Jahren für den Schmied und den Zimmermann arbeiten durfte. Dieser Umstand war ihm zu Kopf gestiegen, und er hatte sich affektierte kleine Gesten zugelegt, die sie in seiner Anwesenheit nachäffte. Sie hatte es so weit getrieben, bis er vor lauter Wut vergaß, daß sie ein Mädchen und es nicht wert war, daß man mit ihr kämpfte, und er war trotzdem auf sie losgegangen.
Moïse lebte nicht mehr. Sie hatten ihn wegen irgendeines kostspieligen Fehlers in der Werkstatt geschlagen, und obwohl die Auspeitschung reine Routine gewesen war - ausgeführt von Sarnet, der seine Sache verstand -, war Moïse am Ende tot. Als man ihn von dem Gestell hob, hatte man sofort gesehen, wie sein Kopf herunterhing, und der Schrei der Zuschauer war über die Plantage gehallt. Niemand hatte verstanden, warum er einfach gestorben war, und auch Sarnet selbst hatte sich keinen Reim darauf machen können. Ayisha erinnerte sich genau an den Ausdruck seines Gesichts. Moïses Eltern hatten sich geweigert, an den Tod ihres Sohnes zu glauben, bis man ihnen den Leichnam zeigte. Auch daran erinnerte sie sich.
Sie setzte sich auf einen Baumstamm und betrachtete das schmale Messer, das Joseph ihr gegeben hatte. »Da draußen ist jeder Mann bewaffnet.« Er hatte ihr gezeigt, wie sie es in einen Schlitz in dem dicken Futter ihrer Jacke schieben mußte, damit sie es mit einer einzigen Handbewegung herausreißen konnte. Direkt daneben hatte sie ihre Brosche befestigt, die ab und zu durch das dünne Baumwollhemd über ihre Haut kratzte.
Joseph hatte dasselbe Messer benutzt, um ihr vorn das Haar abzuschneiden; ihr waren die Tränen in die Augen geschossen, als er das schöne lange Haar abhackte und es zu der unordentlichen Frisur zupfte, wie die Seeleute sie zu tragen pflegten. Jetzt hob sie die Hände und tastete nach den wirren Strähnen, die ihr in die Stirn fielen, den dicken Zotteln, die ihr über die Ohren hingen. Zu guter Letzt strich sie über den dichtgeflochtenen Zopf, der ihr über den Rücken fiel. »Genauso tragen die Seeleute ihr Haar, und außerdem benutzen sie irgend etwas, damit es glänzt.« Trotz ihres Unbehagens fühlte sich ihr Kopf wunderbar leicht an ohne das Kopftuch, das sie jetzt so viele Jahre lang getragen hatte. Es war einfach herrlich, mit bloßem Haupt herumzulaufen, wie die Männer es taten.
Später ging sie vorsichtig über den Hügel zu einem großen, flachen Felsen, auf dem sie sich mit Joseph treffen wollte. Sie schob sich so weit vor, bis sie über die am Rand des Felsens wachsenden Grasbüschel hinausblicken konnte, über die oberen Felder hinweg bis zu dem Wäldchen, in dem die Milchkammer, der Obstgarten und das große Haus lagen. Dahinter befand sich, verborgen von der leichten Wölbung des Landes, das Dorf, und noch ein Stückchen weiter war der Mühlbach, an dem Lori jetzt gerade auf den flachen Steinen der Furt die Wäsche wusch.
Der Gedanke an Lori suchte Ayisha dauernd heim und brachte ihr jedesmal Schmerz. Von Joseph wußte sie, daß das ganze Dorf Bescheid wußte, seit sie gleich nach ihrem Weggang aus dem Haus des Masters verschwunden war, aber niemand hatte den Aufsehern gegenüber ein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Auch Lori würde nichts sagen, aber Ayisha konnte sich ihren Zorn und ihre Angst vorstellen. Wenn ihre Mutter ihr Wissen für sich behielt, würde Ayishas Abwesenheit erst bei Sonnenaufgang bemerkt werden. Wieder und wieder mußte sie gegen den Drang ankämpfen, zu Lori zurückzulaufen, um sie ein letztes Mal zu sehen. Aber sie war bereits zu weit gegangen, und es gab jetzt nichts mehr für sie zu tun, als an dem verabredeten Treffpunkt auf Joseph zu warten.
Irgendwo hinter ihr auf dem Hügel befand sich der überwucherte Eingang der Höhle, die in eine steile Schlucht hinabführte. Durch diese wiederum gelangte man in die größere Talsenke, durch die der Fluß strömte. Ein Stück weiter entfernt gabelte sich der Wasserlauf; ein Teil des Wassers stürzte abwärts und trieb das Mühlrad der Plantage an, während der Rest durch enge Stromschnellen den sandigen Talgrund erreichte, durch den es dann weiter in die Bucht lief. Joseph und einige der anderen jungen Männer hatten die Höhle entdeckt, als sie vor langer Zeit einmal ausgeschickt worden waren, Kerzenholz zu sammeln. Nun wollte Joseph sich gemeinsam mit Ayisha durch das Buschwerk an der Höhlenöffnung vorbei hangaufwärts arbeiten, um eine falsche Spur zu legen, damit die Verfolger am nächsten Tag glaubten, sie seien landeinwärts geflohen. Tatsächlich aber würden sie einen Haken shlagen und sich ihren Weg durch die Höhle bahnen, durch die steinige Schlucht hinab bis zum Strand, wo die Freibeuter sein würden.
Die Besuche der Freibeuter erfolgten unregelmäßig, aber die Nachricht von ihrem Kommen verbreitete sich stets an der Küste entlang von Port Saint-Pierre bis zum Fluß. Ihr Schiff ankerte dann nachts vorm Strand, und ein Boot kam mit leeren Fässern an Bord ans Ufer. Wenn irgendein Pflanzer Fragen stellte, erzählte man ihm, der Kapitän ziehe das Flußwasser dem Süßwasser aus den Zisternen von Saint-Pierre vor. Tatsächlich erfolgten diese Besuche aber, weil die Sklaven von Les Cascades manchmal Rum zum Tauschen hatten. Sie durften aus den minderwertigen Molassen, einem Abfallprodukt der Fabrik, ihren eigenen Alkohol brennen, und die Freibeuter waren bereit, diesen gegen billige Baumwollstoffe einzutauschen. Joseph hatte Kapitän Troyes zweimal getroffen, als er mit einigen anderen zum Schildkrötenfang an den Strand geschickt worden war. Diesmal jedoch hatten die Leute, da die Ernte all ihre Zeit beanspruchte, keinen Rum zu tauschen: Es würde niemand dasein, der den Kapitän in jener Nacht empfing. Niemand als Joseph und sie selbst.
Die Sonne ging unter, und sie bekam Hunger. Sie richtete den Blick auf das große Haus, dessen Dächer langsam eine blutrote Farbe annahmen und dann schließlich braun wurden. Mit der Abenddämmerung kam von See her ein leichter Wind auf. Ayisha dachte an das Kontor, wie einer der Diener es ihr und Merle während der langen Morgenstunden in der Spülküche beschrieben hatte.
An einem Abend in der Woche entlohnte der Master nach dem Essen die Verwalter. Sie kamen durch die Gartentüren und mußten vor dem Schreibtisch stehen bleiben, während der Master ihre Arbeit beurteilte und ihnen dann ihren Wochenlohn aushändigte. Wenn er in guter Stimmung war, lud er sie zu einem Cognac ein, aber für gewöhnlich wurden sie sehr bald entlassen, um in ihre Quartiere in der Nähe des Hauses zurückzukehren. Während der ganzen Zeit, die der Master mit der Einnahme des Abendessens verbrachte, lagen die Löhne auf dem Schreibtisch im Kontor, wo alle Diener sie sehen konnten; während der gesamten zwanzig Jahre, die der Master über die Plantage herrschte, hatte es noch nie jemand gewagt, das Geld anzurühren. Die Münzen glitzerten im Kerzenlicht, Symbole seiner Macht über Schwarz und Weiß gleichermaßen.
Als die Dunkelheit hereinbrach, beobachtete sie die Lichter des in der Ferne liegenden Hauses und durchdachte nochmals die Schritte ihres Plans. Sobald sich an der Seite des Hauses, wo der Speisesaal lag, etwas regte, wollte Joseph sich durch die Gartentüren hineinstehlen und das Gold nehmen. Dann, sobald die Luft rein war, würde er sich durch die Felder zu ihrem Treffpunkt schleichen. In der allgemeinen Verwirrung würde niemand auch nur einen Gedanken an das Gold verschwenden. Mit ein wenig Glück würden die Leute bis zum nächsten Abend das Fehlen der beiden Sklaven überhaupt nicht bemerken.
Sofort erspähte sie jetzt jedoch die Fackeln zwischen den Gebäuden und wußte, daß die Aufseher gerufen worden waren. Sie spannte alle Muskeln an und blickte angestrengt durch den Abend. Dann sah sie zu ihrer großen Freude auf der Hälfte des Abhangs eine dunkle Gestalt, die sich geduckt auf sie zubewegte. Leise murmelte sie seinen Namen, als wolle sie ihn damit antreiben.
Die Zeit verging. Dann sah sie plötzlich ein Flackern außerhalb des großen Hauses. Pferde und viele Männer. Zu weit entfernt, um irgend etwas zu hören, konnte sie nur zusehen, wie die Stücke eines schwarzen und goldenen Bildes auseinanderbrachen, sich auflösten und sich an einem anderen, weit entfernten Punkt wieder zusammenfanden. Dann ritten sie los, und die Beine der Pferde blitzten in den Lichtern, die die Sklaven in der Nähe des Hauses hielten, auf. Einen Augenblick später hüpften die brennenden Fackeln, die die Reiter hoch über ihre Köpfe hielten, über die Felder. Das Licht funkelte auf Musketen und Schwertern, Stiefeln und Sätteln und fiel unter den Hufen der Pferde auf die Erde. Und dann sah sie sie, wie sie durch die Lichtflecke zwischen den Zuckerrohrfeldern huschten, wie sie geschmeidig über die dunklen Furchen der Wagenräder rannten und sich einer braunen und weißen Masse gleich vor den Reitern herschlängelten: die Jagdhunde des Masters.
Ein langer roter Blitz zerriß die Nacht, dann hörte man einen Musketenschuß krachen, dem sogleich ein weiterer folgte. Ayisha erhob sich benommen und rutschte über den Felsen hinunter zu der Stelle, an der sie und Joseph sich treffen wollten. Sie drückte sich fest gegen den Stein. Die Verfolger konnte sie inzwischen nicht mehr sehen, aber sie hörte den Knall von Pistolenschüssen, und jeder Schuß schien in ihrem eigenen Kopf und in ihrer Brust zu explodieren. Sie schmeckte Blut und stellte fest, daß sie sich auf die Lippen gebissen hatte. Einen Augenblick später knackten unmittelbar neben ihr einige Zweige, und Joseph war bei ihr. Sie konnte ihn im Dunkeln sehen, als er nach ihrem Handgelenk griff. »Hier entlang.«
In schauerlichem Schweigen rannten sie los. Durch das Hämmern in ihrem Kopf lauschte sie auf die Jagdhunde und Reiter, die ihnen folgten, aber die leichte Brise über dem Hügel trug keine Geräusche zu ihnen herüber, ebenso wie sie selbst auf dem grasbewachsenen Grund nicht zu hören waren.
Joseph stolperte abermals, fiel auf die Knie und zeigte auf einen niedrigen, dicht mit Lianen bewachsenen Busch vor ihnen. Er stemmte beide Hände ins Gras, um wieder zu Atem zu kommen, und stieß ein gedämpftes Lachen aus. »Ich habe ein Paar von Golos Schuhen getragen und sie da unten liegengelassen. Sie haben eine falsche Witterung aufgenommen.«
Sie kniete sich neben ihn und flüsterte: »Geh du zuerst.«
Er lachte abermals, schob die Hand in sein Hemd und gab ihr einen kleinen Stoffbeutel. »Das Gold.« Dann stützte er sich auf dem rechten Arm auf. »Weißt du eigentlich, wie schön du bist?«
Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sein Hemd war feucht von Schweiß - und von einer klebrigen Flüssigkeit, die aus einem zerklüfteten Loch darunter durch ihre Finger gurgelte. Während er den Hügel hinaufgelaufen war, hatten sie ihn in den Nacken geschossen. Noch während sie diesen Gedanken mühsam in sich aufnahm, verebbte seine Kraft, und er sank zu Boden. Er sagte: »Küß mich.«
Sie drückte ihre Lippen auf seine, um nicht laut aufzuschreien, dann bellten ein Stück weiter unter ihnen die Hunde, und man hörte von neuem das Stampfen von Hufen. Joseph hatte den linken Arm um sie geschlungen, und einen Augenblick lang spürte sie den warmen Druck seiner Hand unterhalb ihres Schulterblatts, dann streiften seine Lippen über ihre. Obwohl die Gefahr ihnen aus der Dunkelheit entgegenschrie, klammerten sie sich mit derselben Kraft aneinander, die sie ihr Leben lang einer aus dem anderen geschöpft hatten. Dann glitt seine Hand zu Boden, und seine Lider, die ihre Wangen berührten, flatterten. Sie sah jeden winzigen Augenblick seiner Qual, und ihr eigener Herzschlag verlangsamte sich, bis er den Rhythmus seines Sterbens angenommen hatte. Ihr Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt, ihre Hände lagen auf seinen Wangen, und sie konnte nicht sagen, wessen Tränen unter ihren Fingern dahintropften. In der fast schwarzen Dunkelheit flackerten seine Augen ein letztes Mal auf und erloschen dann. Er blickte zu den Sternen auf. Er seufzte, und die Muskeln seiner Brust hoben sich noch einmal, aber zu ihrem Entsetzen war dies der letzte Atem, den er holte. In Gedanken schrie sie nach ihm, aber sie biß sich auf die Lippen, um den Laut zu ersticken, und griff statt dessen nach seinen Schultern, um ihn hochzuziehen.
Sein Gewicht war zu schwer für sie, obwohl sie an ihm riß und zerrte und zwischen den Zähnen hindurch ständig seinen Namen hervorpreßte. Dann spürte sie, wie die Wärme aus seiner Haut wich. Sie blickte noch einmal in sein Gesicht, aber er lächelte ins Nichts hinauf. Sie drückte die Stirn auf sein Brustbein. Er war reglos und still, weit fort von ihr. Sie spürte sein Blut auf ihrem Gesicht, wie es sich mit den Tränen mischte, die aus ihren Augen rannen. Ihr Mund zuckte, aber sie sprach die Worte laut aus.
»Joseph. Ich werde zurückkommen. Ich werde uns alle befreien. Ich schwöre es, ich schwöre es bei deinem Leben und meinem.«
Sie machte keine Anstalten, seine Augen zu schließen. Sie riß am Blätterwerk, das den Höhleneingang bedeckte, setzte sich auf den Rand des Einstiegs, um die Zweige hinter sich wieder zusammenzuziehen, und stürzte sich sofort in die tiefe Finsternis hinein, wo sie auf schmutzigen, scharfen Steinen landete. Sie stöhnte, erhob sich und kämpfte sich blind weiter. Sobald sie weiter in den Gang eingedrungen war, konnte sie sich an den ungleichmäßigen Wänden entlangtasten. Von oben war kein Laut zu hören. Die uralte Lava, die vollkommen durchlöchert und verwachsen war, bildete eine niedrige Decke und zerkratzte ihren Kopf, ihre Hände und ihre Füße. Sie atmete, als befände sie sich unter Wasser; sie sog die Luft ein wie eine zähe Flüssigkeit und erbrach sie dann wieder. Sie war ertrunken und auf dem Grund eines sonnenlosen Ozeans gesunken, um nie wieder an die Oberfläche zu steigen.


